Leerverkäufe: Spekulation auf fallende Aktien

Im ersten Moment mag sich der Begriff des Leerverkaufs absurd anhören. Die meisten Menschen dürften wohl davon ausgehen, dass man zuerst einmal etwas besitzen muss, bevor man es verkaufen kann. Im Falle des Leerverkaufs ist es ein wenig anders, und doch nicht so verschieden von anderen Transaktionen, wie man zunächst glaubt. Denn zumindest in Deutschland sind die allermeisten Leerverkäufe durch eine Leihgabe gedeckt. Bei sinkenden Kursen ist der Leerverkauf damit eine spekulative Strategie, die vor allem von Hedgefonds immer wieder angewandt wird.

Ablauf von Leerverkäufen

Was ist ein Leerverkauf und wie funktioniert er?

Im Börsenhandel spricht man immer dann von einem Leerverkauf, wenn jemand einen Basiswert – eine Aktie etwa, Waren oder Devisen – an der Börse verkauft, obwohl er diesen im Moment des Verkaufs gar nicht besitzt. Um das verkaufte Wertpapier tatsächlich an den Käufer übergeben zu können, muss der Verkäufer dieses zuvor geliehen haben, zum Beispiel von einer Bank, die das entsprechende Wertpapier tatsächlich in ihrem Bestand hat. Dafür zahlt der Leerverkäufer eine Leihgebühr. Später muss der Leerverkäufer das Wertpapier wieder an den Verleiher zurückgeben. Um das tun zu können, muss der Leerverkäufer das Wertpapier nun also an der Börse kaufen.

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Hoffen auf fallende Aktienkurse:

Insofern unterscheidet sich ein Leerverkauf nicht so sehr von einem regulären Verkauf. Bei einem Verkauf, der auf einen Kauf folgt, wird davon ausgegangen, dass der Preis in der Zwischenzeit steigt. Der Leerverkauf ist so etwas wie der umgekehrte Fall: Der Kauf folgt dem Verkauf. Folgerichtig spekuliert man dann auch auf eine umgekehrte Wertentwicklung, nämlich auf fallende Kurse.

Charakteristisch für einen Leerverkauf ist also, dass der Verkauf vor dem Kauf geschieht. Ein Leerverkauf lohnt sich dabei nur dann, wenn der Preis des Basiswerts sinkt. Der Leerverkäufer verkauft zuerst das geliehene Wertpapier zu einem bestimmten Preis. Erst später kauft er das Wertpapier tatsächlich. Wenn der Preis des Wertpapiers zwischen diesen zwei Zeitpunkten gesunken ist, kann der Leerverkäufer einen Gewinn erzielen – sofern er durch den Preisunterschied auch die Leihgebühr sowie Order- und Börsengebühren wieder ausgeglichen hat. Der Leerverkäufer spekuliert also immer darauf, dass ein Wertpapier in dem Moment, in dem er es kaufen muss, im Preis gesunken sein wird.

Leerverkauf: Beispiel für den Idealfall

Ein vereinfachtes Beispiel soll den Ablauf verdeutlichen. Ein Anleger geht davon aus, dass die Aktien eines kriselnden Energieunternehmens in der kommenden Zeit weiter sinken werden. Daraufhin leiht er sich von einer Bank, die in das Energieunternehmen investiert hat, 100 Aktien. Leerverkäufe müssen auf diese Weise gedeckt sein. Der Anleger bezahlt dafür eine kleine Leihgebühr (die dadurch entstehenden Kosten werden zum Zwecke der Einfachheit im Beispiel ignoriert). Nachdem er die 100 Aktien erhalten hat, verkauft er sie an der Börse. Zu dem Zeitpunkt steht die Aktie bei 50 Euro das Stück: Der Anleger erhält also 5.000 Euro dafür.

Irgendwann muss der Anleger die Aktien jedoch an die Bank, von der er sie sich geliehen hat, zurückgeben. Zeit vergeht, der Kurs des Energieunternehmens fällt weiter. Als die Aktien bei nur noch 42 Euro das Stück stehen, kauft der Anleger 100 Aktien. Insgesamt zahlt er dafür 4.200 Euro. Jetzt kann er die Aktien an die Bank zurückgeben. Damit hat der Leerverkäufer einen Gewinn von 800 Euro gemacht, denn – die zeitliche Reihenfolge einmal außer Acht gelassen – er konnte Aktien, die er für 4.200 Euro gekauft hat, für 5.000 Euro verkaufen.

Riskante Leerverkäufe: Beispiel für steigende Kurse

Long und Short

Im Zusammenhang mit Leerverkäufen wird im Börsenjargon auch oft von der Short-Position gesprochen. „Short gehen“ oder „short callen“ meint dabei immer die Position des Verkäufers, der auf fallende Kurse setzt, wohingegen „long“ den Käufer meint, der von steigenden Kursen ausgeht.

Das vorangehende Beispiel zeigt selbstverständlich den Idealfall: fallende Kurse. Tatsächlich kann jedoch kein Anleger sicher davon ausgehen, dass der Kurs für eine Aktie fällt, selbst wenn dieser in den letzten Monaten nichts Anderes getan hat. Was wäre etwa, wenn eine energiepolitische Entscheidung dafür sorgt, dass der Wert des Energieunternehmens plötzlich wieder steigt? Dann zahlt der Leerverkäufer für den Kauf der Aktien mehr, als er für den Verkauf bekommen hat. Oder vielleicht sinkt der Aktienkurs zwar, nur nicht so weit, dass es sich für den Anleger lohnt. Dann frisst womöglich die bereits entrichtete Gebühr für die Wertpapierleihe sämtliche schmalen Gewinne wieder auf. So oder so: Die Rechnung des Leerverkäufers geht dann nicht auf.

Risikoanlagen bei Aktien: Leerverkauf und Regulierung

In Deutschland ist der Leerverkauf von Aktien nur unter bestimmten Bedingungen möglich. Bisher wurde der gedeckte Leerverkauf beschrieben. Das bedeutet, dass derjenige, der Aktien leer verkaufen möchte, dies tun kann, da seine Position durch eine Leihgabe gedeckt ist. Es gibt aber auch den Fall ungedeckter Leerverkäufe. Aktien oder andere Wertpapiere, die gehandelt werden sollen, befinden sich weder im Besitz des Leerverkäufers, noch hat er sie sich geliehen. Möglich ist dieser Leerverkauf überhaupt nur, weil der Anleger beispielsweise in Deutschland nach dem Verkauf zwei Börsentage Zeit hat, die Wertpapiere zu liefern. Bei Leerverkäufen im Termingeschäft sogar noch länger. Dieses Verfahren könnte allerdings dazu führen, dass viel mehr „leere“ Papiere verkauft werden, als tatsächliche überhaupt existieren.

Aufgrund der Kursverwerfungen, die dadurch möglich sind, unterliegen ungedeckte Leerverkäufe in vielen Ländern einer strikten Regulierung. In Europa etwa sind ungedeckte Leerverkäufe von Aktien und öffentlichen Schuldtiteln verboten. Einige Aktien dürfen noch nicht einmal gedeckt leerverkauft werden. In Deutschland überwacht die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) diese Verbote.

Risiken

Ein besonderes Risiko besteht bei einem Leerverkauf. Aktien können in ihrem Wert maximal auf den Wert 0 sinken; wer 10.000 Euro in Aktien investiert hat, die dann gegen Null gehen, hat knapp 10.000 verloren. Steigen können Aktien hingegen theoretisch unbegrenzt. Der sprunghafte Anstieg der VW-Aktie 2008 auf über 1.000 Euro wäre ein Beispiel. Doch was bedeutet die Möglichkeit immer weiter steigender Kurse, wenn man als Leerverkäufer auf fallende Kurse setzt? Angenommen, man hat für 10.000 Euro leerverkauft und im Anschluss steigen die Kurse der Aktie ins Unermessliche, der Kurs verdreifacht oder vervierfacht sich gar. Dann müsste der Leerverkäufer die Aktien ja dennoch kaufen, und das vielleicht zu 30.000 oder 40.000 Euro. Theoretisch ist dieser Entwicklung kein Ende gesetzt. Die Wertsteigerung ist dann der Verlust des Leerverkäufers. Allerdings ist eine solch drastische Wertsteigerung die Ausnahme.

Aktien: Leerverkauf mit dem passenden Broker

Anleger, die trotz des Risikos Aktien und andere Wertpapiere leerverkaufen möchten, benötigen dazu nicht nur ein Depot, mit dem diese Form des Handels möglich ist, sondern überdies die Termingeschäftsfähigkeit. Diese kann bei der eigenen Bank oder dem Online-Broker beantragt werden. Erfüllt ein Anleger auch diese formale Hürde, kann er Leerverkäufe tätigen. Die meisten Broker zeigen Aktien, die auch leerverkauft werden dürfen, als solche an. Anleger können dann gezielt nach den passenden Wertpapieren suchen. Unterstützt ein Anbieter diese Anlageform nicht, kann man bequem und unkompliziert, sein Depot wechseln.

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